Das Ende der CSD-Verhandlungwochen rückte immer näher; in den letzten Nächten stieg die Kompromissbereitschaft ganz beeindruckend und in vielen Punkten wurden irgendwann einfach Nägel mit Köpfen gemacht. Kein Wunder, denn die Nachtsitzungen wurden immer länger und auch die stärksten Delegierten sind irgendwann am Ende. Außerdem wollten ja alle zu einem Ergebnis kommen.
Auch wenn wir uns manchen Punkten stärkere Ergebnisse (also verbindlichere Vereinbarungen, deutlichere Beschreibung der notwendigen Umsetzungen) gewünscht hätten, waren wir als Jugendvertreter bis dahin doch recht erfolgreich gewesen. Wir hatten viele unserer im letzten Jahr eingebrachten Punkte im Text halten können und auch so manchen neuen Punkt einbringen können – etwa die Bekämpfung von Kinderarbeit im Bergbau oder der Hinweis auf die Bedeutung von Bildung für Nachhaltige Entwicklung.
Bis zum Schluss waren wir in allen offiziellen Verhandlungssitzungen anwesend. Das wurde zunehmend schwierig, da viele strittige Themen hinter verschlossener Tür diskutiert wurden. So gut es ging, verfolgten wir aber alle Diskussionen und Änderungen am Text mit Hilfe selbst entwickelter „Tracking-Systeme“, z.B. in vielspaltigen Excel-Dateien, die über Google Docs nicht nur für jeden jederzeit zur Verfügung standen, sondern auch bearbeitet werden konnten. Das war für unsere Arbeit extrem hilfreich, denn nur so konnten alle jederzeit wissen, für welche Dinge es sich gerade einzusetzen lohnt.
Am Freitagvormittag während einer Rede von Ban Ki-moon fanden wir plötzlich heraus, dass es – anders als vorgesehen – keine reguläre Schlusssitzung der CSD mit Statements der Major Groups geben wird. Ohne, dass wir es zu diesem Zeitpunkt wussten, bahnte sich das Kommende schon an. Am Nachmittag hörten wir dann, dass es in manchen Themen noch nicht zur Einigung gekommen war und es sich noch hinziehen könnte.
Müde von zwei harten Verhandlungswochen, doch glücklich über das (scheinbar) Erreichte haben wir dann dann gegen Mitternacht das UN-Gelände verlassen. Am Samstagmorgen erfuhren wir dann: Totalblamage! Keine Verhandlungsergebnisse, keinen Text, keine Einigung auf eine Fortsetzung der Verhandlung zu einem späteren Zeitpunkt.
Was in dieser Nacht (und in den Tagen davor) passiert war, darüber können wir nur rätseln. Wie kann es sein, dass die Staaten zwei Jahre lang mit hohem Aufwand einen (ohnehin nicht direkt bindenden) Text diskutieren und am Ende einfach alles platzen lassen?
Allem Anschein nach scheiterten die Verhandlungen inhaltlich an einer Sprachregelung zum israeli-palästinensischen Konflikt und an Finanzfragen. Dazu kommt, dass die CSD ihre Entscheidungen nach dem Konsensprinzip fällt. Mindermeinungen können nicht einfach überstimmt werden – einerseits eine sehr demokratische Idee, auf der anderen Seite schwächt sie die CSD strukturell sehr. Letztendlich fehlte wohl auch der Wille einiger Staaten zu einem Ergebnis zu kommen.
Frustriert sind wir am vergangenen Wochenende wieder zurück nach Deutschland gekommen. Doch diese Frustration wird jetzt schnell in Motivation umschlagen: Wir müssen unseren Regierungen auf die Füße treten, damit Rio+20 im nächsten Jahr nicht zu einem ähnlichen Disaster wird, sondern Reformen der UN-Systeme für Umwelt und nachhaltige Entwicklung durchgesetzt und starke Ergebnisse in Sachen grüner Wirtschaft erzielt werden!
Ausführlicher Bericht & Auswertung des International Institute for Sustainable Development: http://www.iisd.ca/vol05/enb05304e.html
